Geschrieben von josefine

Willst du wissen, wie es um meinen Raben steht?

So sagte mein Vater:
Wenn du eine Katze ins Freie lässt und sie nicht wiederkommt, ist sie nichts wert und du musst ihr nicht nachtrauern.
Meine Katze kam wieder. Wieder und wieder, immer zur selben Zeit, morgens um halb sieben. Sieben Jahre lang. In dieser Zeit stellte ich ihr immer eine Schale mit Katzenfutter hin und eine zweite mit Wasser daneben. Denn erst sehr viel später erfuhr ich, dass es Katzen gar nicht mögen, wenn Wasser- und Futterstelle zu nahe beieinander liegen.

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Samstags also

Wie wenig sie sich und ihr Leben mochte, war kein Geheimnis. Trotzdem hat man es mir später noch einmal erzählt. Ganz genau hat man es mir erzählt, jeden ihrer Versuche, morgens in der Dusche auszurutschen. Und abends dann die Heizdecke mit der morschen Kabelage ins Bett. Nachts im Aufzug zwischen zwei Stockwerken. Nicht ein, nein hundert Mal hat man ihr die Heizdecke weggenommen. Eine Matte in die Dusche gelegt, nachts abgeschlossen. Nicht hundert, nein tausend Mal ihr die Haare geföhnt. Nicht, weil sie das so wollte. Sondern weil es kalt draußen war.

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Ein bisschen bang war mir gewesen

Auch dieses Haus würde niemals fertig werden.
Das sah ich an der Art, wie du dich bewegt, wie du den Kopf in den Nacken gelegt und zum Dach hinaufgesehen hast. Biberschwänze. Das seien die wahren Ziegel. Die und keine sonst. Kronendeckung. Niemand würde es gut genug machen. Auch dieses Haus würde also niemals fertig werden. Was solltest du dann mir dir anfangen? Und was mit uns?

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Zeit vergeht

Luisa meint, und ich bin nur selten ihrer Meinung, da kommt sie also her und meint, ich würde nichts ordentlich machen. Niemals etwas mit Leidenschaft. Nie etwas zu Ende. Nie auch nur etwas, das annähernd einen Sinn ergäbe.
Luisa formulierte es so:
Immer wenn sie an mich denke, ginge Zeit verloren.
Damit meine sie nicht, dass ich langweilig wäre oder so.
Sie meine das in einem rein physikalischen Sinn.
Zeit vergehe.
Zeit dehne sich aus.
Da hat sie wahrscheinlich recht. Die Luisa.

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Liebe Paula (II)

Heute bin ich mal wieder traurig. Mein Ex-Mann, der, wie Du weißt auch Gärtner war (wie Deiner), hat mir eine Postkarte vom Oktoberfest geschickt. Daran wäre nichts auszusetzen (auch wenn wir gerade August haben, wie Du weißt), es wäre alles (oder sagen wir fast alles) in Ordnung, wenn die Karte nicht von 1904 wäre. Mich verwirrt das ein bisschen. Vor allem weil er schreibt, er habe auf das falsche Pferd gesetzt und brauche nun dringend Geld.

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Liebe Paula

Der Schlafanzug ist das letzte, das sie von ihm bekommen hat. Zusammengefaltet in einem Paket kam er hier an. Mit einer Karte. Kurz und förmlich. Ein Geschenk sollte das sein und sie, Paula, solle es sich gut gehen lassen. Das Oberteil mochte sie nie. Zu eng. Vor allem der Ausschnitt. Da passte kaum mein Kopf durch. Schimpfte sie. Da hätte sie sich auch gleich eine Schlinge um den Hals legen können. Die Hose dafür um so lustiger. Rot mit weißen Punkten darauf. Gummizug an den Beinenden. Weit. Gemütlich. Aber. So ein Schlafanzug, das sei doch eigentlich etwas sehr intimes, schrieb sie an Sophie. Kein Geschenk, das man einfach so. Eigentlich. Und jetzt steht Sophie hier, färbt sich die Haare. Passt auf, dass kein Spritzer auf den Schlafanzug. Aber natürlich passiert es doch.

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Und im Gras die Grillen

Im Garten steht der Farn kniehoch. Geht sie in die Hocke, verschwindet sie von der Bildfläche. Geht sie nicht in die Hocke, kommt sie sich nicht mehr blöd vor. Das war einmal. Kam sie sich blöd vor, ging sie in die Hocke, machte sich ganz klein. Verschwand für einen Augenblick. Aber der Ärger. Der blieb.

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Luisa

Immer wenn mein Bruder schlechte Laune hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und zeichnete. Zuerst zeichnete er Autos. Später bewaffnete Comichelden. Und schließlich zeichnete er Frauen. Die schönsten von ihnen nahm ich an mich. Und natürlich merkte er es. Aber er sprach mich nie darauf an. Zumindest nie so direkt wie etwa: „Sag mal. Kann es sein, dass du mir die Frauen klaust?“ Er zeichnete einfach weiter. Zeichnete mehr. So viele, dass ich irgendwann nur noch vor der Masse an Zeichnungen stehen und mich nicht entscheiden konnte, welche ich nun nehmen sollte.

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Von der Niederträchtigkeit

Ich lag immer gern unter dem Fluss. Niemand kam zum Stören. Nicht einmal all jene, die es liebten. Das Quengeln. Das Rängeln.
Früher. Stell Dir vor. Da lag ich dekadenlang unter meinem Lieblingsfluss. Erfand Vogelarten, die herumsaßen und Wieso? fragten. Manche Menschen hassten mich dafür. Schossen auf die Vögel, schossen mit scharfer Munition. Trafen und töteten die Vögel, die dann nicht mehr Wieso? fragten.
Also lag ich noch länger unter dem Fluss, sann über neue Tierarten nach.

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Brief an dich

Weil ich die Buchstaben erst sehr spät begriff, konnte ich dir nie einen Brief schreiben. Und wenn ich wollte, dass mir meine Mutter von dir erzählte, durfte ich nicht nach dir fragen. Sie musste das Gespräch beginnen. Sie, nicht ich. Tat sie es nicht, fanden keine Gespräche statt. Jahrelang hielt ich mich in diese Regel. Und dann eines Tages nicht mehr.

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