Archiv für Januar, 2012

28. Januar 2012 – Mein Brüderchen

Ein Rumpelstilzchen ist mein Brüderchen, ein sich zerfetzendes Männchen, das versucht, wie eine Scheibe Brot auszusehen. Ganz unspektakulär auf einem geblümten Frühstücksteller. So, als wäre er die Selbstverständlichkeit in Person.
Aber: Das ist er nicht. Er will sich nur tarnen. Das wollte er schon immer. Zum Beispiel so:

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25. Januar 2012 – Der rechte Augenblick

Auri war der mit der Brille. Der mit der Trompete. Mit den Noten auf der Brille. Mit den Tomaten auf den Noten. Dass es schief gehen würde, wusste ich schon damals. Er brauchte mich nur anzusehen, und ich wusste: Dies war nicht der rechte Augenblick.

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22. Januar 2012 – Vroni vermissen

Mit zehn Jahren erbte ich die Schuhe meiner Schwester. Zwanzig Paar und alle waren sie rot und zwei Nummern zu klein. Damals fing das Leben an, weh zu tun. Trotzdem kam irgendwann mein elfter Geburtstag.

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17. Januar: Sie sagt

Sie sagt, sie wolle sich rächen. In die dämlichen Rosensträucher pinkeln, eine dicke Ratte an den Maibaum hängen, die Farben auswaschen wolle sie, das Blut vergiften und all die süßen Gedanken zermalmen. Sie austreten wie eine aufgerauchte Zigarette. So enttäuscht sei sie. Sagt sie. Und dass das nicht das erste Mal sei. Die Liebe sei es, die die Schuld daran trage, fies und hinterlistig wie sie sei. Für alle stehe sie bereit. Nur nicht für sie. Lachte sich hämisch in ihr Fäustchen. Die Liebe. Darin kannte sie sich aus.

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14. Januar 2012 – Ende der Kindheit vielleicht

Ich dachte immer, die Kindheit höre dann auf, wenn ‚der Ernst‘ ins Leben trete. Irgendein Schicksalsschlag, der Tod eines nahestehenden Menschen, Krankheit, ein Spielzeug, das man verliert, die Erkenntnis, dass das Gras wächst, egal ob man zusieht oder nicht. Oder die Enttäuschung darüber, dass Käfer nicht über einen drüber krabbeln, weil sie fotografiert, in ein Glas gesperrt oder unter ein Mikroskop gelegt werden möchten. Dass sie es tun, weil sie unterwegs sind, und ich dachte, dass diese Erkenntnis nicht nur schlicht sondern auch ein bisschen enttäuschend sein würde. Aber das würde sich auflösen, je länger ich ‚dem Ernst‘ in mein neues Leben folgte.

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7. Januar 2012 – Marie

Was passieren würde, wenn sie das Haus betrete?
Marie weiß es nicht Es ist eine Erwartungshaltung. Ein Denken, dass. Ein Hoffen auf. Vielleicht auf ein zu Hause oder so etwas. Vielleicht hat sie auch einfach nur Hunger.
Und dann?
Nichts. Marie steht im Flur herum und fragt sich, was sie hier soll.
Ob es eine Treppe gäbe?
Klar. Das Haus ist mehrstöckig. Da muss es wohl.
Aber ob sie denn auch die Treppe sehen würde?
Nein, sagt Marie. Und es stimmt nicht ganz, und es ist egal. Die Treppe führt nirgendwohin, das weiß sie. Die Treppe ist ein Scherz. Der zweite Stock ist ein Scherz. Und ein schlechter obendrein.

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5. Januar 2012 – Ida, Magda, Valja

Valja hatte beschlossen, zu Magda zu fahren. Das war weit genug weg aber nicht zu weit. Sie würde mit ihrem Fiat fahren, es würde bestimmt zehn Stunden dauern, es kümmerte sie nicht. Sie versprach sich sogar etwas davon. Die Stunden zu nutzen, zum Nachdenken über dies und jenes. Bestimmt nicht darüber, ob es richtig war, was sie da tat.

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2. Januar 2012 – Gilla: Da kommen sie her

Da kommen sie her und sagen – einfach so. Einfach so. Und Gilla soll sehen, wo sie bleibt. Am liebsten bleibt Gilla zu Hause. Sie hat ein bisschen Angst vor „dem da“ draußen. Sogar ihr Hase darf nur ab und an im Freigehe laufen. Gilla hat nämlich Angst, ihn am Abend wieder hereinzuholen. Aber sie hat auch Angst, ihn über Nacht draußen zu lassen. Wenn eine Katze ihn holte. Sie würde sich das nicht verzeihen.

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1. Januar 2012 – Elba

Da traf ich also Elba. Sie saß an der Bar und rauchte eine Zigarette, sah dabei so aus, als würde sie nirgendwohin schauen. In sich gekehrt, also in sich hineinschauend oder etwas anschauend, das nur sie sehen konnte. Wie auch immer. Als ich mich neben sie setzte, fragte sie mich, wie groß ich sei. Ein Meter siebzig sagte ich, als müsse ich mich rechtfertigen. So stand es in meinem Ausweis. In der Nähe meiner Augenfarbe.

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