Archiv für März, 2012
29. März 2012 – Kanongedanken
Der alte Mann, der nicht mit mir verwandt ist, obwohl ich mir das so sehr wünsche. Der alte Mann: Von Zeit zu Zeit denkt er an seine Konzertreisen. Erzählt mir davon. Erzählt mir, wie das damals war. In den 60ern. In den 70ern. Oh, sage ich mit Bildern vor mir, die ich aus dem Fernseher kenne. Doch wenn er anfängt zu erzählen, finden sie wieder statt. Takt für Takt, Puls für Puls.
25. März 2012 – Maschas Gedanken
Eines Tages beschloss Mascha, alles, was ihr zu sagen wichtig erschien, mit Nadel und Faden festzuhalten. An diesem Tag hörte sie auf, Knöpfe an ihren Kleidern zu befestigen. Statt dessen nähte sie Worte hinein. Sätze. Halbe. Ganze. Je nach dem, was passte. Je nach dem, was zu sagen wichtig war.
21. März 2012 – Die Zähne meiner Schwiegermutter
Seit ich mein Zimmer aufgeräumt habe, sitzt die Melancholie neben mir. Ich habe die Schublade unter meinem Schreibtisch ausgeräumt, vielleicht liegt es daran. Ich habe auch alte Briefe weggeworfen. Kontoauszüge wegsortiert. Aber ich glaube, es liegt an der Schublade. Draußen krächzt ein Vogel, der größer ist als die Stange, auf der er sitzt. Größer als das Haus, an dem die Stange befestigt ist. Eigentlich müsste ich mich wundern.
17. März 2012 – Jonas, sei mal kurz still
Jonas drückt mich zurück in die Badewanne und sagt, ich solle still sein. Dann drückt er sein Ohr gegen die Wand und lauscht. Ich schiele über den Rand der Badewanne, schiele zu ihm hinüber und denke: Jonas ist total verrückt. Immer denkt er, ein Spion würde uns belauschen. Immer denkt er, es gebe ein Spion, der sich für uns interessiert. Der wissen will, was wir hier so treiben, was wir hier so sprechen, aber tatsächlich ist das einzige, was hier im Allgemeinen gesprochen wird, der eine Satz von Jonas, und der heißt: Sei mal kurz still.
11. März 2012 – Läuft das Vergessen seine Runden
Wir hatten eine Wiese hinter unserem Haus. Da habe ich sie begraben. Jeden unter einem Stein. Mit dem Datum des Tages, an dem er starb. Die Geburtstage hatte ich vergessen. Außerdem schien es ja so, als wären sie immer schon da gewesen. Als hätte es sie nie gegeben. Die Geburtstage.
7. März 2012 – Jeder Traum ein Klingelschild
Als Kind lernte ich, die Türen leise zu schließen. Niemand konnte das so gut wie ich. Ich war lautlos. Leichtfüßig und gewandt. Knarzende Dielen verdrückten sich, wenn ich kam, verschlossene Türen, Wände. Nichts. ich war endlos, maßlos, namenlos. Frei und voller Sehnsucht. Ich hätte Grenzen haben müssen, um zu wissen, wonach ich verlangte. Später fragte ich mich dann. Wonach es mich verlangte.

3. März 2012 – Das kann ja nichts
Er ist groß. Noch jung. Ein bisschen mundfaul. Nach dem siebten Bier sage ich, dass alle Wirte Hendrik hießen, warum, das wisse ich nicht, aber vielleicht könne er mir das erklären, sage ich und lege meinen Kopf auf den Tresen. Als ich mich ein paar Stunden später wieder aufrichte, weiß Hendrik alles über mich. Versteht aber nur die Hälfte.