Archiv für April, 2012

28. April 2012 – Lass doch die Mütze Mütze sein

Einmal auf einer Wiese. Da hatte ich eine Vision.
Eine rote Mütze trug ich. Nichts weiter. Nur diese rote Mütze, die mir als Kind so gut gestanden hatte. Als Kind. Da mag das ja noch angegangen sein, nackt, mit nur einer Mütze bekleidet, durch die Gegend zu laufen. Aber als erwachsener Mensch?
So, wie ich die Welt einschätze, angelehnt an meinen Erfahrungshorizont, war das nicht o.k. Also versuchte ich, die Vision so schnell wie möglich zu beenden, lief an den Rand der Wiese, denn dort vermutete ich das Ende der Transzendenz, aber nur ein Teil von mir sprang über den letzten Grashalm, der andere blieb stehen, ein bisschen verwundert, und sehr, sehr skeptisch. Ließen sich Visionen tatsächlich begrenzen? Konnte man sagen, wo sie anfingen, wo sie aufhörten?

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24. April 2012 – Maschas Kleid

Die Geschichte von Mascha wurde bereits erzählt. Bestimmt gäbe es noch mehr zu sagen. Viel mehr. Über Mascha. Über ihre Gedanken und Sätze. Das aber steht mir nicht zu. Mich gab es damals noch nicht. Vor meiner Zeit, wie man so sagt. Die Zeit meiner Mutter. Bevor es still um sie wurde und sie anfing, die Tage zu zählen.

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20. April 2012 – Mein tägliches Training bis ich berühmt werde oder sie sich endlich in mich verliebt

Seit ein paar Wochen trainiere ich. Ich versuche, nicht andauernd, sondern immer nur in gewissen Abständen auf die Uhr zu sehen. Ich versuche meinen Tag in Fenster von 1,5 Stunden einzuteilen. Ich habe gelesen, das sei genau die Zeitspanne, in der man sich gut auf eine Sache konzentrieren könne. Ich konzentriere mich, nicht auf die Uhr zu sehen. Und wenn die Versuchung besonders groß ist, stehe ich auf und mache mir einen Kaffee.

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14. April 2012 – Niemand nennt es mehr „Neurose“

Er liegt in seinem Zimmer unter dem Dach. Von hier aus kann er auf die Stadt sehen. Von hier aus denkt er sich aus, wie es wäre, mit einem gelben Auto durch die Straßen zu flitzen. Sich zu verlieben. Sich einen Anzug zu kaufen, essen zu gehen und all das. Hier in seinem Zimmer kann er träumen so viel und so lang er will. Es gibt keine Klingel, an der sein Name steht. Keinen Telefonanschluss. Keine Eltern, die ihn zur Welt gebracht haben.
Er wundert sich selbst ein bisschen, wie es ihm gelingt zu existieren.

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10. April 2012 – „Gare“ (Franz.: Bahnhof) = „sicher verwahren“

Mit fünf begann ich darüber nachzudenken, woher die Fußspuren stammten, die ich jeden Morgen auf meiner Fensterscheibe fand. Um mich davon abzulenken, begann ich über Kühlsysteme zu sinnieren und – um das Nägelkauen zu verhindern – roten Nagellack aufzutragen. Weil ich so oft aus dem Bett fiel, gewöhnte ich mich daran, unter dem Bett zu schlafen. Ich begann mich zu zweiteilen. Manchmal auch zu vierteilen. Je nach dem, was die Situation verlangte. Mit fünf begann ich ein Genie zu sein. Was damals so viel hieß wie: Alles zu können, was ich zum Überleben brauchte.

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6. April 2012 – Erwins Kopf

Sonntags bin ich in ihrem Garten. Regelmäßig. Immer. Das habe ich ihr versprochen. Blumen gießen, Unkraut jäten. Nach dem Gartenhäuschen sehen. Mich hineinsetzen für eine Stunde oder so. Und einfach nur lauschen. Das ist ihr sehr wichtig. „Kann ich doch nicht mehr selbst.“ Sagte sie immer wieder. Ja, sagte ich. Ich weiß. Ich mach das. „Ja. Das kannst Du, nicht wahr?“ Ja, Rosa. Das kann ich.

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2. April 2012 – Wie ich Fahrradfahren lernte

Ich erinnere mich kaum. Aber ich erinnere mich daran, was mir meine Großmutter später erzählte, nämlich dass ihr den ganzen Tag über schlecht gewesen und ich die Straße auf und ab gefahren sei. Bis zum Abend. Bis ich am Abend das Fahrrad fahren konnte.

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