Archiv für Mai, 2012

23. Mai 2012 – Mit Glück hat das nichts zu tun

Sei froh, dass du am Leben bist. Zwei Arme hast und einen Kopf zum denken. Eine Nase zum Rümpfen. Und überhaupt: Was hast du für eine schöne Nase. Sei froh, dass du einen so schönen Zinken dein eigen nennen kannst. Sei froh. Sagte sie.
Aber ich. Ich war nicht froh.
Noch nie. Oder ganz vielleicht mal hier und da. Eine Stunde oder so. Wenn überhaupt. Wenn die Wand dazwischen kam. Wenn ich alles vergaß. Wenn ich nicht an gestern, nicht an morgen dachte. Aber das war nicht Glück. Das war eine Wand zwischen mir und dir. Ich und du. Mit Glück hat das nichts zu tun.

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18. Mai 2012 – Wozu ein Fenster, wenn niemand gegenüber hinausfällt?

So einfach ist das. Keine Distanz, kein Volumen, keine Fläche, kein Raum. Wo nicht Grenze, da nichts dahinter. Keine Frage, keine Stimme. Nichts.
Ich wusste, Sie würden mich verstehen.
Und dann das.
Haben Sie bestimmt auch schon mal erlebt.
Man steht morgens auf, und gegenüber fällt niemand aus dem Fenster.
Das sind dann die beschissenen Tage.
Man weiß nicht, wozu. Warum und all das. Man weiß überhaupt nichts mehr und schon gar nichts mit sich anzufangen. Man wird wütend. Wozu hat man so ein Fenster? Bestimmt nicht, um die Zeit dran tot zu drücken.

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13. Mai 2012 – Das Hochzeitsfoto

Mein Vater war flussaufwärts gefahren. Der Strömung entgegen. Immerzu der Strömung entgegen. Er liebte die Herausforderung, der Widerstand ließ ihn lebendig fühlen. Meine Mutter hatte die Wäsche aufgehängt. Sie war ihm nicht nachgelaufen, hatte ihm nicht gewunken. Später dachte ich, dass sie wahrscheinlich keine Sekunde daran geglaubt hatte, dass er jemals wieder käme. Als sie am Abend die trockene Wäsche zusammenfaltete und in einen Korb legte, ließ sie die seine auf der Leine hängen.
Das ist meine erste Erinnerung, die ich an ihn habe.

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7. Mai 2012 – Henriette hörst Du (für L.)

Nach der Beerdigung meiner Mutter habe ich in ihrer Unterwäsche gewühlt. Ja, sie war so ein Mensch. So einer, der wertvolle Dinge in Schubladen aufbewahrte. Und die wertvollsten zwischen ihrer Wäsche. Da fand ich sie. Die Fotos und die Briefe. Nicht von Hand geschrieben, alle Worte sprachen. Sogar der Absender. Marta. Immer nur Marta. Nichts weiter.

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3. Mai 2012 – Die Kuckucksuhr

Das ist die Kuckucksuhr, die früher in der Wohnstube meiner Großeltern hing. Gern würde ich so etwas sagen wie: Das bin ich. Wie ich vor der Kuckuckuhr meiner Großeltern stehe, um sie gewissenhaft aufzuziehen. Denn genau das habe ich gemacht. Hundertmal. Tausendmal. Unzählige Male. Aber es gibt kein Bild davon, nicht eines. Keine Erinnerung, keinen Schwank, nichts. Die Kuckucksuhr hatte ihren Platz an der Wand. Und ich hatte meinen.

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