Archiv für Juni, 2012
28. Juni 2012 – Zu Besuch
Fünf Stockwerke. Das sind eindeutig zu viele Treppen. Cindys Höhenrekord liegt bei der dritten Etage. Da war sie noch Kind. Das war in einem fünfziger Jahre Bau. Eine kleine Wohnung, das Badezimmer gleich neben ihrem, das ihrer Mutter auf der anderen Seite. Kleine Zimmer, dünne Wände. Das musste reichen. Cindy schwitzt und ist außer Atem. Im Treppenhaus ist es mucksmäuschenstill. Sie lauscht trotzdem einen Augenblick, bevor sie die Tür öffnet.
24. Juni 2012 – Auris acht Schwestern
Sie wuchsen wie Trauben an einem Rebstock. Und Auri wuchs irgendwo dazwischen. Hanna, die älteste Schwester, hatte sich ihren Platz zuerst aussuchen dürfen. Und der Raum, der ihr zur Verfügung stand, war unendlich. Bis Josi kam. Auris zweitälteste Schwester. Hanna und Josi wuchsen nebeneinander, was Hanna immer wieder fuchsteufelswild machte. Es gab so viel Platz. Auch auf der anderen Seite des Rebstocks. Aber Josi wuchs neben Hanna auf. Und Hanna neben Josi.
19. Juni 2012 – Johann
Schon wieder muss ich an Johann denken. Johann, der so gern „vielleicht“ sagte. „Vielleicht“, wenn ihm eine Sache zu schnell ging. Und eigentlich ging ihm immer alles viel zu schnell. „Johann“, sagte ich zum Beispiel. „Wollen wir uns heute Abend treffen?“
14. Juni 2012 – Fliegende Maulwürfe zum Beispiel
Das habe ich dich nie gefragt. Nie. Warum auch? Du hattest einen Baum im Garten, ich nicht. Ich ging sonntags immer Schlittschuhlaufen. Ohne dich. Und du? Dein Fahrrad war dir heilig. Dein Fahrrad und die elektrische Zahnbürste. Ohne, so sagst du, bekomme man die Zähne nicht sauber. Ohne, sage ich, braucht es keine Zähne, auf die es aufzupassen gilt. Ob ich keine Zusatzversicherung habe, fragst du mich ganz erstaunt. Und ich. Mit kleinen Augen. Nein. So etwas kann ich mir nicht leisten.
Trotzdem haben wir es miteinander versucht.
08. Juni 2012 – Die Herzfrequenz ist abhängig von Alter, Trainingszustand und dem vegetativen Nervensystem
Als ich Kind war, verweigerte mich dem Lesen. Auf meinen Wunschzetteln, die ich zu Weihnachten schrieb (und meistens auch vor meinem Geburtstag), stand immer: „Bitte keine Bücher schenken. Danke.“ Ich dachte, Lesen würde mir die Zeit stehlen, die ich zum Denken brauchte. Ich dachte, ich würde meinen Kopf ganz für mich alleine haben wollen. Meine Eltern sagten, ich solle raus an die frische Luft gehen und mit Gleichaltrigen spielen. Und ich dachte darüber nach, was sie damit meinten.
01. Juni 2012 – Der verliebte H. …
… erzählte mir:
„Weißt Du, was ich damals schon gewusst habe. Dass meine Erinnerungen mir später einen Streich spielen würden. Dass ich mir später einbilden würde, sein Haar hätte nach einer Ecke Sonne gerochen. Seine Augen wären wie ein Vogelruf gewesen. Ein Vogelruf an einem viel zu frühen Morgen. Seine Nase eine Leiter in den Himmel. Und sein Mund. Ja der. Ein Obstkuchen aus dem Tiefkühlfach vielleicht.“
Oh, sagte ich. Ganz schön viel.