14. Januar 2012 – Ende der Kindheit vielleicht

Ich dachte immer, die Kindheit höre dann auf, wenn ‚der Ernst‘ ins Leben trete. Irgendein Schicksalsschlag, der Tod eines nahestehenden Menschen, Krankheit, ein Spielzeug, das man verliert, die Erkenntnis, dass das Gras wächst, egal ob man zusieht oder nicht. Oder die Enttäuschung darüber, dass Käfer nicht über einen drüber krabbeln, weil sie fotografiert, in ein Glas gesperrt oder unter ein Mikroskop gelegt werden möchten. Dass sie es tun, weil sie unterwegs sind, und ich dachte, dass diese Erkenntnis nicht nur schlicht sondern auch ein bisschen enttäuschend sein würde. Aber das würde sich auflösen, je länger ich ‚dem Ernst‘ in mein neues Leben folgte.

In meinem Fall war es anders.
In meinem Fall war es der Mond, der eines Nachts von Himmel fiel. Langsam, fast bequem sah das aus. Als wäre er da oben weggedämmert, würde jetzt willenlos in den Schlaf sinken, pflichtvergessen, vergessend sich als Mond. So dachte ich. So sah es für mich aus, so schmunzelte ich, bis er sich am Stacheldrahtzaun eine dicke Schwarte aus dem Bauch schnitt.
Mit wehendem Bettlaken bin ich losgelaufen. Und ich weiß noch, als ich am Zaun ankam, da wunderte ich mich, dass dort gar kein Blut war. Da war nur Nebel, also versuchte ich diesen einzupacken, doch das Laken war zu klein.
Vielleicht hier, vielleicht auch später ahnte ich, dass es nicht ‚der Ernst‘ sein würde, der mich aus der Kindheit holte, sondern Individuen, die sich nicht um sich selbst kümmern können, obwohl sie es sollten, denen man helfen muss, obwohl man gar nicht  weiß, wie, die man retten muss, ohne die sichere Seite je kennengelernt zu haben.
Die halbe Nach versuchte ich den Mond in Sicherheit zu bringen, ihn und alles, was er verloren hatte, in das Laken zu stopfen, ein Kampf, den ich nicht gewinnen, aber auch nicht einfach abbrechen konnte, der noch immer gekämpft wird.
So war das damals. So ist meine Kindheit gegangen. So stelle ich es mir gerne vor.