Wir wollen in die Berge fahren. Vielleicht auch ans Meer. Vielleicht in die Wüste. Da waren wir beide noch nicht und sind uns noch nicht einig.
In den Bergen könnten wir Steinböcke sehen. Am Meer geringelte Sonnenschirme. Und in der Wüste gäbe es Spinnen, Skorpione und die Fata Morgana.
Der Hund hat einen Koffer dabei, da sind nur alte Socken darin. Ich habe ihn an der letzten Raststätte mitgenommen, das ist jetzt zwei Jahre her. Seit dem fahren wir auf Reserve, und ich bin selber ganz erstaunt, dass es funktioniert. Dass wir noch nicht liegengeblieben sind, noch niemanden anhalten und um einen Benzinkanister bitten mussten.
Rechts ein Feld, da steht ein Baum. Ein Himmel spannt sich darüber, dazwischen ein Vogel. Ein Grashalm windet sich aus der Erde. Nie wird er so groß sein wie der Baum. Nie den Himmel berühren, nicht einmal dem Vogel begegnen. Genau wie ich. Ein Grashalm. Ein Baum. Ein Vogel. Ein Swimming-Pool, eine Gitarre. Nichts wäre richtig für mich. Nichts ist wichtig. Die Sehnsucht liegt auf dem Gaspedal.
Ich wollte das Abenteuer aufheben, das vor mir auf der Erde lag, mit meinen Fingern ungefragt die Luft berühren, nach dem Licht darin greifen, nach den Gerüchen, nach der Gürtelschnalle an meiner Hose. Die Welt, sie sah mich an, ohne meine Entscheidung zu beachten. Meine Sommersprossen, die sich wild über mein Gesicht verteilten, die Narbe am linken Schienbein, meine entschlossenen Lippen, nichts davon nahm sie wahr, meinen ungebrochenen Willen nicht, meine Potenz, meine Allmacht, meine Schönheit nicht. Die Welt sah mich an und wusste, was ich war.
Mit dem Lenkrad in der Hand versuche ich mir einzureden, dass es keine Rolle spielt, ob und wie die Welt mich sieht. Solange ich es sehe, ist alles gut. Solange ich es fühle, kann ich über den Grashalm steigen. Kann die Wolken wie Staubflocken wegpusten, und mächtig Eindruck bei den Vögeln schinden.
Haben sie jemals solche Sommersprossen gesehen?
Und was für Augen wird der Himmel machen, wenn er meine Hände sieht? Riesige Hände wie Baggerschaufeln. Zangen mit Zähnen daran. Anfassen, herstellen, bewegen. Anfassen, befühlen, einen Abdruck hinterlassen. Anfassen, nehmen. Ausprobieren, erkunden, sich entscheiden. Und wenn ich es nicht haben kann, obwohl ich es will, darf ich schimpfen wie ein Rohrspatz. Darf mit den Füßen aufstampfen und versuchen, es trotzdem zu bekommen. Es zu erobern wie ein Land, das einem nicht gehört und nie gehören wird. Ein Land ist nicht wie ein Körper. Den man hat, ob man will oder nicht.
Überall auf der Welt, da bin ich mir sicher, gibt tausend und abertausend Sommersprossen, die den Mond anlachen. Baggerhände, die sich große Stücke aus dem Licht rausreißen, und sie fröhlich in die Hosentaschen stecken. Tausend und abertausend Wünsche, die Slalom um die Sommersprossen fahren.
Also binde ich eines Tages die Socken aneinander. Wie es die Gefangenen früher mit den Strümpfen ihrer Frauen gemacht haben. Binde und binde, ein ewig langes Seil, das zweimal um die Erde reicht. Mach das Fenster zu, bellt der Hund mich an, weil der Fahrtwind an seinem Fell zerrt. Und weil er eine Bindehautentzündung hat.
Ich weiß, dass ein Vogel stirbt, wenn er gegen den Mond prallt, während sich dieser nur die Stirn reibt und sich fragt, was das war, das ihm da eben gegen den Kopf geflogen ist. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man sich Worte wie eine Unterhose über die Hüften zieht und dabei an etwas völlig anderes denkt.
Als ich bis zu den Hüften im Meer stehe, wünsche ich mir, unsichtbar zu sein. Nun mach schon, ruft der Hund vom Ufer her, er hat es plötzlich sehr eilig, in die Wüste zu kommen. Ich wusste nicht, dass wir das schon entschieden hatten.
