28. April 2012 – Lass doch die Mütze Mütze sein

Einmal auf einer Wiese. Da hatte ich eine Vision.
Eine rote Mütze trug ich. Nichts weiter. Nur diese rote Mütze, die mir als Kind so gut gestanden hatte. Als Kind. Da mag das ja noch angegangen sein, nackt, mit nur einer Mütze bekleidet, durch die Gegend zu laufen. Aber als erwachsener Mensch?
So, wie ich die Welt einschätze, angelehnt an meinen Erfahrungshorizont, war das nicht o.k. Also versuchte ich, die Vision so schnell wie möglich zu beenden, lief an den Rand der Wiese, denn dort vermutete ich das Ende der Transzendenz, aber nur ein Teil von mir sprang über den letzten Grashalm, der andere blieb stehen, ein bisschen verwundert, und sehr, sehr skeptisch. Ließen sich Visionen tatsächlich begrenzen? Konnte man sagen, wo sie anfingen, wo sie aufhörten?

Der Teil, der gesprungen war jedenfalls, landete in einem Schloss.
Sehr still war es dort. Wie ich da von Raum zu Raum ging, das Geräusch meiner Füße nichts weiter. Da wollte ich schon denken, was für ein blödes Schloss. Ohne Prinzessin, ohne Verlies, ohne gepolsterte Stühle auf krummen Beinen. Da wollte ich schon aufgeben, den Rand der Vision, der Wiese noch einmal überdenken, da fiel ich über einen Schwan. Der war natürlich empört. War ihm das doch seit 500 Jahren nicht mehr passiert!
„Hör zu!“, schrie er mich an. „Das ist mein Schloss und hier stolpert niemand über wen. Und wenn du schon hier durchtrampeln musst, dann pass gefälligst auf!“ Dann neigte er seinen Kopf und fragte: „Wo ist deine Mütze?“
Ich musste sie verloren haben. Aber wo? In wie viel Räumen ich gewesen war? Und sahen sie nicht alle gleich aus? „Siehst du?“, hörte ich mich vom Rand der Wiese her sagen. „Wärst mal lieber hiergeblieben. Den nackten Arsch zu retten? Was das denn für ne Schnapsidee?“ Währenddessen suchte ich.

Reue ist kein Gefühl, auf dem man sich ausruhen sollte. Und „Ach“ und „Hätte“ waren Worte, die ich niemals akzeptierte. Ich erinnere mich noch ganz genau.  Im Lateinunterricht hörte ich zum ersten Mal davon. „Hätte“ und „Wäre“ gehörten einer Zeitform an, die man Konjunktiv II nannte. Irrealis. Und ich erinnere mich, dass ich damals schon dachte, dass der Konjunktiv II, Irrealis, ein Ding sei, das sich Leute ausgedacht hatten, die keine Verantwortung übernehmen wollten. Deshalb sprach ich nie vom Irrealis. Sondern immer nur vom „Ach-und-Hätte-Konjunktiv“.

Währenddessen auf der Wiese:
Ich bin nicht gerade in bester Stimmung. Ich sehe, dass ich in der Scheiße sitze. In einem Raum in einem fremden Schloss, irgendwo in dieser gottverdammten Welt. Überfordert von den Möglichkeiten, die ich habe. In dieser gottverdammten Welt. Gern würde ich mir einen Ratschlag geben. So etwas wie: Lass doch die Mütze Mütze sein. Verlass das Schloss und such die einen Job. Oder eine neue Liebe. So was in der Art. Denke ich. Und weiß selber, dass es nur Gedanken sind. Gut genug, sie hin und her zu schieben. Wie damals. Am Tisch. Als mir auch nichts Besseres einfiel. Weil ich mich schon damals drückte. Vor den Konsequenzen, die ein Traum, weggeworfen oder nicht, nach sich ziehen würde. Weil ich zu faul war. Diese, meine Situation in Augenschein zu nehmen. Weil ich schon immer zu faul war, wenn es um konkrete Fragen ging. Zum Beispiel. Ich könnte meine Eltern anrufen, um sie zu fragen, wo die Mütze abgeblieben ist. Aber was, wenn das alles ein Mythos ist? Was, wenn sie mich fragen: „Welche Mütze?“
Und auch im Schloss wird mir unterdessen klar, dass ich hier nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag sitzen und fragen kann, wo um alles in der Welt die Mütze abgeblieben ist, die ich möglicherweise gar nicht aufhatte – könnte ja sein, dass die Vision selbst nur geträumt hat. Und dann wäre alles ganz anders, als ich mir das denke. Vielleicht.