Das Hochzeitsfoto

Mein Vater war flussaufwärts gefahren. Der Strömung entgegen. Immerzu der Strömung entgegen. Er liebte die Herausforderung, der Widerstand ließ ihn lebendig fühlen. Meine Mutter hatte die Wäsche aufgehängt. Sie war ihm nicht nachgelaufen, hatte ihm nicht gewunken. Später dachte ich, dass sie wahrscheinlich keine Sekunde daran geglaubt hatte, dass er jemals wieder käme. Als sie am Abend die trockene Wäsche zusammenfaltete und in einen Korb legte, ließ sie die seine auf der Leine hängen.
Das ist meine erste Erinnerung, die ich an ihn habe.

Im Wohnzimmer hängt ein Foto. Grau in Grau, schon ziemlich verwaschen. Mit einer Reißzwecke hat es jemand an die Wand gepinnt, gleich neben dem Ölofen, dessen Ausdünstungen den eingefangenen Moment wahrscheinlich schon längst begraben hätte, würde ich nicht von Zeit zu Zeit mit meinem Ärmel darüber wischen. Ihn freilegen wie die Inschrift eines Gedenksteins, die, dem Treiben der Straße und der Launenhaftigkeit der Natur ausgesetzt, allmählich zu verschwinden droht. Hier wurde XY während der Feldarbeit vom Blitz erschlagen. Es trauern.
Das Foto wurde vor einer Kirche aufgenommen. Ein Mann und eine Frau stehen davor, sie halten sich an den Händen und schauen ernst in die Kamera. Gerade so, als wäre ihnen durchaus bewusst, was sie da tun. Als würden sie von nun an ihr Leben in die Hand nehmen, wie einen Rasenmäher, mit dem man das Gras zurechtstutzt. Die Spitze des Kirchturms endet exakt am oberen Rand des Bildes. Der untere hat sich aufgerollt. Still und heimlich. Hat dem Paar seine Füße und einen Teil der Beine gestohlen.
Manchmal streiche ich das Bild mit beiden Daumen glatt nach unten und fixiere es an der Wand. Vier Beine, zwei Paar Schuhe. Alles ist da, alles hat seinen Platz. Alles könnte so einfach sein denke ich dann. Aber wenn ich meine Mutter auf das Foto anspreche, sagt sie immer nur: Ach ja. Das Bild, ach ja, sagt sie. Und dass man es einmal in einen Rahmen stecken müsse, sagt sie. Und das ist dann auch schon alles, was sie sagt.
Obwohl dieses Foto das einzige Dokument ist, das von ihm erzählt.

Ich habe alle Schubladen durchwühlt. Alle Schränke. Habe alle Bücher durchblättert, Seite für Seite. Habe zwischen der Wäsche nachgesehen, in den Dosen mit dem Mehl, dem Zucker und dem Reis darin, in Kisten mit Nähgarn und Verbandszeug. Es gibt nur dieses Foto. Es muss eine Bedeutung haben, so denke ich mir das. Und wieder frage ich meine Mutter, und ihre Antwort ist wieder dieselbe: Auch andere werden ohne Vater groß.
Ja sage ich. Ja, schon. Aber sie könne mir ja trotzdem etwas über ihn erzählen, beharre ich. Und ob ich nicht sogar ein Recht darauf hätte, etwas über ihn zu erfahren, frage ich. Aber wozu?, fragt meine Mutter dann zurück. Was würde es dir nützen? Dass er kein Held gewesen sei, verrät sie mir. Und dass ich verdammt froh sein könne, nicht in die Verlegenheit gekommen zu sein, ihn als Vorbild in Erwägung ziehen zu müssen. Ich löse meine Daumen von dem Foto, und es rollt sich fauchend wieder ein.
Ich überlege mir, nächstes Jahr zu heiraten.