Glück. Na gut. Wie das funktioniert, wollte sie mir zeigen. Sich nicht kennen. Vergessen, was man meint zu erinnern, was man meint zu erleben, was man meint, meinen und denken und fühlen zu müssen, wie das also funktioniert, das alles zu vergessen, hat sie mir gezeigt. In einer sternklaren Nacht. Ich hätte mir beinahe den Arsch abgefroren. Das werfe ich ihr heute noch vor.
Pünktlich um ein Uhr stand sie in meinem Zimmer, die Haare länger als sonst, die Augen heller, aber nicht das weckte mich. Es waren die Engel, die sie singen ließ. Das war die erste Desillusionierung. Zum Glück ist es ein weiter Weg.
Ich dachte, Engel könnten richtig gut singen. Ich dachte, man sagt doch immer. Zieh dich an, herrschte sie mich an.
Draußen auf der Wiese kamen weitere Zweifel.
Sollte man auf das Glück hoffen? Das Glück, das man daran erkennen wird, dass jegliche Gravitation von einem abfällt. Der Gedanke, das Gleichgewicht halten zu müssen. Die Idee von der Balance. Von Ausgeglichenheit, vom rechten Maß. Diese Idee war noch nie meine gewesen. Aber die Intensität, die ein Moment bekommen kann, wenn man nicht aufpasst, machte mir noch mehr Angst. Also ging ich lieber immer weiter. Zwei Schritte nach links. Und zwei Schritte nach recht. Immer gleich groß. Immer gleich schnell.
So kam ich durchs Leben. So kam ich sogar sehr gut durchs Leben.
Aber das Leben kam nie zu mir.
Irgendwann ist mir klar, dass unser Ziel die Kapelle auf dem Berg ist. Ich nehme es hin. Ich habe Angst vor ihr. Und ich habe auch Angst vor der Kapelle. Alle sagen, dass eine grün gewandete Frau darin wohne. Und dass sie sich gern neben einen setzt, einem die Hand aufs Knie legt. Mary sagt. Ich pfeife auf Mary, zischt sie mich an.
Also den Berg hinauf. Bald ist der Schmerz nur noch so etwas wie ein stummer Begleiter, der eingesehen hat, dass man nicht Zwangskonversation betreiben muss. Das Glück, wenn es eines gibt, sitzt oben in der Kapelle. Vielleicht legt es mir die Hand aufs Knie.
Mit Glück hat das nichts zu tun
Sei froh, dass du am Leben bist. Zwei Arme hast und einen Kopf zum denken. Eine Nase zum Rümpfen. Und überhaupt: Was hast du für eine schöne Nase. Sei froh, dass du einen so schönen Zinken dein eigen nennen kannst. Sei froh. Sagte sie.
Aber ich. Ich war nicht froh.
Noch nie. Oder ganz vielleicht mal hier und da. Eine Stunde oder so. Wenn überhaupt. Wenn die Wand dazwischen kam. Wenn ich alles vergaß. Wenn ich nicht an gestern, nicht an morgen dachte. Aber das war nicht Glück. Das war eine Wand zwischen mir und dir. Ich und du. Mit Glück hat das nichts zu tun.