Der verliebte H.

… erzählte mir:
„Weißt Du, was ich damals schon gewusst habe. Dass meine Erinnerungen mir später einen Streich spielen würden. Dass ich mir später einbilden würde, sein Haar hätte nach einer Ecke Sonne gerochen. Seine Augen wären wie ein Vogelruf gewesen. Ein Vogelruf an einem viel zu frühen Morgen. Seine Nase eine Leiter in den Himmel. Und sein Mund. Ja der. Ein Obstkuchen aus dem Tiefkühlfach vielleicht.“
Oh, sagte ich. Ganz schön viel.

Und H.:
„Ja, eine Menge. Und weißt du was? Schon damals wusste ich, dass ich verloren war. Ein jemand ohne Grenzen. Ein jemand, dem alles egal war. Außer ihm. Und er. Er war halt anders. Vielleicht auch verliebt. Aber eben anders. Nicht ganz so kitschig. Nicht ganz so mit dem Anspruch auf Alles-andere-sei-doch-scheißegal. Nicht damals. Aber später erkannte ich das. Als ich so viel mehr wusste. Später also. Als die Tage kamen, an denen ich ihn hasste. Also starke Gefühle für ihn hatte. Wütend vor allem, weil er nicht hörte, was ich sagte. Was ich sagte, sobald ich allein war, auf der Toilette, denn wo sonst kann man schon allein sein?“
Stimmt
, sagte ich. Wo sonst kann man alleine sein?
Und H.:
„Aber weißt du was? Gleichzeitig wusste ich auch, ich würde nicht ewig verharren können. Nicht auf der Toilette und auch sonst nirgendwo. Eines Tages öffnet man die Tür, wirft noch einen Blick in den Spiegel, und schon wieder hat man einen seiner besseren Vorsätze gebrochen. Ein anderer wird als nächstes in die Toilette gehen. Ein anderer wird einen guten Vorsatz treffen, einen Blick in den Spiegel werfen und sich ärgern.
Zuerst ist es das Lächeln, das weh tut. Kurz darauf das Herz. Und danach kommt nichts mehr, was an einem Nervensystem hängt. Man braucht nur noch den Faden abzuscheiden, und alles kann von vorn beginnen. Aber noch ist alles verheddert. Erstaunlich, wie sich so Knoten bilden können.“
Ja, sagte ich. Finde ich auch immer wieder spannend.
Und H.:
„Von ganz allein, scheint das zu passieren. Entstehen einfach so. Wie Wollmäuse unter einem Sofa. Aber:
So weit bin ich noch nicht. Dass ich das faszinierend finden könnte. Dass ich eine Studie darüber in Auftrag geben könnte, dass ich unter dem Sofa herumkriechen und das Phänomen erforschen könnte.“
Mh, machte ich. Und ne so weit nicht sagte ich
Und H.:
„Ja, verdammt. Ist doch scheiße, verliebt zu sein. Ist doch alles irgendwie total scheiße.
Und dann sahen wir weiter fern.