Vom Zug aus kann man es sehen. Das überwucherte Haus. Vom Zug aus sehe ich es jede Woche. Das überwucherte Haus. Und ich stellte mir vor, was dort einmal war. Wer dort gewohnt. Welche Geschichten in den Zimmern. Wer dort saß. Noch immer lebte. Noch immer wohnte. Wie auch immer. Jemand, der zu mir herübersah. Sich überlegte, welches Gericht es heute im Speisewagen geben würde. Im Dining Car. Im Voiture de Restaurant.
Vier Sprachen konnte sie sprechen. Ja! Fließend. Ohne die Übersetzungsleistung aktiv mitdenken zu müssen. Acht Kinder hatte sie geboren. Ohne eine Schwangerschaft. Pregnant. Hochzeit. Faira la cuisine. Warum auch nicht? Vollkommen automatisch ging das damals. Und heute. Wenn sie nur anfängt, über etwas nachzudenken. Wenn sie nur anfängt. Ist sie plötzlich leer. Vollkommen leer.
Ich fahre in den Osten. Habe dort zu tun, wie man so sagt. Und ich sagte es genau so. Morgen fahre ich wieder nach. Habe dort zu tun. Aber abends bin ich wieder. Ja. Es ist dumm. Aber so ist das Leben. Zumindest meins. Ob es einen Sinn habe. Deine Augen schauten so klein, obwohl sie eigentlich so groß waren. Oder waren es meine, die nur das Kleine sahen? Jedenfalls sagte ich: ‚Nein‘. Lächelnd aber: ‚Nein’. Und sah die ganze Fahrt über hinunter auf meine Schuhe. Abends kam ich zurück, als hätte ich ‚Ja‘ gesagt.
Zu Beginn war es tatsächlich sehr merkwürdig gewesen, denkt sie und sieht auf die Wurzeln des Baums. Plötzlich so ein Leben! Der Mann immer weg. Mit seinem großen Auto fuhr er los. Meistens für eine Woche. Was er genau tat, wusste sie nicht. Hätte sie auch nicht verstanden, sagte er ihr. Hätte sie nur gelangweilt. Ja, sagte sie und meinte, ich vertraue dir. Nein, meinte eigentlich: Ich habe keine Lust, mich zu langweilen. Fahr nur allein. Ohne eine Spur der Verbitterung. Warum auch? Sie hatte ihren Garten. Und sie hatte Maria. Die hatte plötzlich in einer Wiege gelegen. Ruhig und unkompliziert von Anfang an.
Ja, ich konnte sagen, dass ich in ‚den‘ Osten fuhr, denn ich kam aus dem Westen. Lange Zeit hatte ich nicht einmal gewusst, dass es ‚den‘ Osten gab. Die meiste Zeit meines Lebens war ich ignorant gewesen. Nicht absichtlich. Eigentlich nur aus Unwissenheit heraus. Dachte ich. Und jetzt weiß ich, dass auch Unwissenheit mit Ignoranz zu tun hat. Ein bisschen jedenfalls. Zumindest wirfst Du mir das vor. Und ich weiß, du hast Recht. Ein bisschen jedenfalls. Wenn ich könnte, würde ich dir das zum Vorwurf machen.
Mist.
Die Ehe hat nicht lang gehalten. Immer öfter fuhr er weg. Immer öfter bekam sie ein Kind. Immer öfter grub sie im Garten, während er seine Reisen plante. Dass er von der letzten nicht zurückgekommen war, bemerkte sie erst, als sie zwei Jahre lang kein Kind mehr bekam. Oh, sagte sie. Pflanzte ein Rhododendron. Eine Bewimperte Alpenrose. Ihr nun galt ihr Blick. Die Kinder alle aus dem Haus. Ein bisschen traurig sieht es aus. Und doch hatte sie Glück. Alle aus dem Haus, als es niederbrannte.
Dass ich nicht wiederkommen müsse, hast du vorhin gesagt und irgendwie hörte sich das richtig so an. Vielleicht kaufe ich mir ‚im Osten‘ ein Haus. Lasse mich nieder, wo ich nicht hingehöre. Beziehe einen Ort, von dessen Existenz ich so lange nichts wusste. Fühle mich ‚fremd‘. Warum nicht? Warum sollte ich mich nicht ‚fremd‘ fühlen?