26. Juli 2012 – Nur ein Anruf

Sie müsste nur diesen Anruf machen. Diesen einen, er würde nicht einmal lang dauern. Statt dessen sitzt sie hier, kratzt sich an den Fußnägeln herum, die sehen furchtbar aus, furchtbar, die kann man niemandem zeigen. Die Schere hat sie schon seit zehn Jahren. Eigentlich ist das eine Frisörschere. Damals. Er. Er mochte kurzes Haar. Sie. Schnitt es sich selbst, weil sie niemandem vertraute. Und vielleicht auch, weil es zu teuer gewesen wäre. Jede zweite Woche. Denn ihre Haare wuchsen schnell.

Nur diesen einen kurzen Anruf. Es ist nichts dabei. Es hängt nicht einmal viel daran. Nicht mehr. Sie müsste ihren Namen nennen. Einen Termin vereinbaren. Fertig. Sie müsste nicht sagen, wer sie ist, und was sie so am Leben mag. Was sie nicht mag und warum sie sich immer wieder mit der Schere an den Nägeln herumpult. Auch das. Geht niemanden etwas an. Und niemand würde sie am Telefon danach fragen. Nur ihren Namen müsste sie nennen. Nur den. Den Termin ausmachen. Alles andere würde sich fügen.

Die Haut, das Nagelbett. Gehört das wirklich zu ihr? Es sieht so komisch aus. Ungepflegt. Und je mehr sie mit der Schere darin herumstochert, desto schlimmer wird es. Und irgendwie fühlt es sich auch würdelos an. Wie sie hier auf dem Bett sitzt. Nägel und Haut einfach auf den Boden fallen lässt. Das Telefon neben sich. Die Nummer auf einem Zettel. Mit rot geschrieben, weil der rote Stift gerade zur Hand war. Jetzt stört es sie, dass es rot geschrieben ist. Es sieht so aus, als müsse sie da unbedingt. Sie hat Zeit. Man kann dort 24 Stunden am Tag anrufen.

Etwas essen sollte sie. Das Bett frisch beziehen. Und Staubsaugen. Nicht nur wegen der Nägel. Auch so. Und sowieso. Die Schere war damals ziemlich teuer. Schnitt dafür aber auch wie eine Eins. Trotzdem wurden ihre Haare immer länger und irgendwann schnitt sie nur noch Bilder aus Illustrierten aus. Klebte sie an die Wand und sammelte sie in einer Pappschachtel. Klebte etwas aus den Schnippseln zusammen und dachte darüber nach, was es bedeuten könnte. Die Tage vergingen. Obwohl sie endlos waren. Ihn konnte man auch nicht andauernd anrufen. Er fand es sowieso schon zu viel. Viel zu viel. Zu eng. Und all das. Und also hatte sie versucht ihre Tage aus den Schnippseln herauszulesen. Manchmal auch eins der Gerichte gekocht. Eine Dekoidee umgesetzt. Aus dem Fenster gesehen. Manchmal ihn.

Manchmal warf er ihr Dinge vor. Ihr Bett würde müffeln. Dann wieder verstand sie nicht, was er meinte. Er wollte es leicht haben. Und sie sei so schwer. Sie mochte den Sommer nicht. Sie mochte ihre Oberarme nicht. Sie mochte vieles nicht, wollte aber auch nicht einsehen, was daran schlecht sein sollte. Und dann wurde sein Fahrrad geklaut. Und gar nichts wollte mehr gut werden. Sie warf die Schnippsel vom Balkon. Und sie hörten auf, miteinander zu reden.

Jetzt ist der Sommer zurück. Und er hat sie gefragt, ob. Natürlich war sie erstaunt. Sie saß auf dem Bett, den Telefonhörer in der Hand, dachte darüber nach, dass sie dringend aufräumen müsse und sagte Ja. Und Ja gut. Man könnte es ja versuchen. Warum nicht?  Sie stört sich nicht mehr an so vielen Dingen. Einmal die Woche Haare waschen. Einmal am Tag an die frische Luft. Fünf Stück Obst am Tag. Damit hat sie schon eine ganz Menge zu tun. Wenn es auch dieses Mal nicht klappt, wird ihr kaum etwas fehlen. Hat sie sich gesagt. Und dass sie älter geworden sei. Vieles egaler als früher. Und noch mehr, noch viel mehr sei jetzt leiser.

Ganz leise ist es in ihr drin. Ganz leise.
Er hat keine Angehörigen.
Sie muss nur da anrufen. Nur ein Anruf.