Deshalb ist sie klein geblieben. Immerzu den Kopf einzuziehen wäre zu anstrengend gewesen. Ihr Zimmer unter dem Dach. Da waren die Stürme bedrohlicher und wenn es gewitterte war es laut. Wenn es gewitterte, hatte sie Angst. Auch das Gewitter war ein schlechter Scherz.
Dann, eines Tages, kommt ihr Vater herauf uns sagt, er würde gehen. Morgen schon, das sei eine abgemachte Sache. Und Mutter? Da müsse Marie sie selber fragen, er, Vater, wisse das nicht, aber Mutter bleibe ja hier, da hätte sie noch genug Möglichkeiten, sie zu fragen. Und dann fragte er noch, ob er ein Bild von ihr mitnehmen dürfe und sie sagte, es sei ihr egal. Er solle mitnehmen, was er wolle. Von ihr aus auch die Treppe und den ersten Stock. Von ihr aus auch den Rasen, das Auto, die Blumenbeete, den Kanarienvogel. Damals war sie sehr wütend auf ihn gewesen. Auf den Vater, der das Weite suchte.
Die Mutter schläft. Eigentlich hat sie immer geschlafen. Unten auf dem Sofa. Ihr Zimmer wurde Maries. Warum auch nicht? Die Mutter brauchte es ja nicht mehr. Alles, was sie brauchte, war abends einen Tee und das wars. Marie hat mit ihr in diesem Haus gelebt und sie manchmal wochenlang nicht gesehen. Aber die Schwester der Mutter kam regelmäßig. Und jedes Mal sagte sie, bald, bald werde sie wieder aufstehen.
Auch das war falsch. Die Mutter ist dort liegengeblieben, auf dem Sofa im Wohnzimmer, sie fand es bequem so, und von Vater kam jedes Jahr zu Weihnachten eine Postkarte. Es waren ruhige Jahre. Fast idyllisch.
Die Tante, die Schwester von Maries Mutter kam jede Woche. Und dann blieb sie für ein, zwei Nächte und schlief im Zimmer unter dem Dach. Sie fluchte, wenn sie sich den Kopf stieß. Sie fluchte, wenn sie im Wohnzimmer neben ihrer Schwester saß. Und jeden Abend wusch sie sich die langen Haare, setzte sich in die Küche und rauchte. Merle oder wie sie hieß. Rauchte unzählige Zigaretten, während sie mit ihren nassen Haaren in der Küche saß und vor sich hinstarrte. Manchmal setzte sich Marie zu ihr, sah in den Rauch und hasste alles bis auf das und die Haare der Tante. Die hingen herab bis knapp unter die Sitzfläche des Stuhls, auf dem sie saß.
Mutter und Schwester und sie. Jede auf einem Stockwerk im Haus. So vergingen die Nächte, wenn die Tante zu Besuch war.
Irgendwann begann die Mutter von Begräbnis und Feierlichkeiten zu reden. Wo sie gern bestattet werden würde, am liebsten im Garten, dass das nicht ginge, hielt die Tante ihr entgegen. Dass das gegen das Gesetz verstoße und dass sie sie am Arsch lecken könne, darauf die Mutter beleidigt. Platz genug gab es im Garten. Wen würde es kümmern? Wer würde es bemerken? Zwischen dem Kirsch- und dem Apfelbaum. Da war genug Platz. Da tummelten sich im Spätsommer die Wespen. Da war es schattig. Deshalb stand dort eine Bank, die der Vater aufgestellt hatte. Die könne man ja ein Stück weit wegrücken, die müsse ja nicht unbedingt da stehen, sagte die Mutter. Und wenn irgendwann Gras über die Sache gewachsen sei, dann könne man ja auch wieder.
Da wollte sie nichts zu sagen. Da fühlte sie sich überfordert. Hätte sie so lange Haare wie die Tante gehabt, sie hätte sie auch jeden Abend gewaschen. Sie hätte geraucht und aus dem Fenster gesehen. Hätte die Postkarten des Vaters gelesen und jeden Rechtschreibfehler angestrichen. Hätte die falsch gesetzten Buchstaben gesammelt und wenn er irgendwann doch wieder aufgetaucht wäre, hätte sie die Buchstaben genommen und auf ihn herabgeworfen. Er wäre betreten gewesen, zwei Stunden geblieben und dann wieder verschwunden. Bis zum nächsten Mal. Irgendwann. Damals.
Ob sie auf ihn wütend sei?
Sie glaube nicht, wisse es aber nicht. Nicht mehr. Die Abstumpfung habe perfekt funktioniert. Sie habe nicht einmal bemerkt, dass ihre Mutter nicht mehr auf dem Sofa lag. Und dann habe sie sehr lange Zeit auf der Bank unter dem Kirschbaum gesessen, während ihre Tante alles regelte. Irgendwann hatten sie ein Telefon bekommen.
Es war Vater, der zuerst anrief. Sie hatte ihn nicht gefragt, woher er die Nummer hatte, sie hatte sich nicht einmal sonderlich darüber gewundert. Wie es gehe, hatte er gefragt, so denkt sie sich das heute, wie es gehe und was sie so treibe. Danach hatte ihre Tante noch eine Weile mit dem Vater gesprochen. Über das Haus und was jetzt damit werden solle. Und wohl auch, was jetzt mit ihr werden sollte.
Noch sehr lang ist sie in dem Haus geblieben. Daran kann sie sich erinnern. Ohne noch zu wissen, wie die Tage vergingen, welche und ob sie überhaupt irgendwelche Bücher las, ob sie Radio hörte, Nägel kaute, zur Schule ging. Ja, doch. Zur Schule ist sie gegangen. Nicht regelmäßig, aber regelmäßig genug, um einen Abschluss zu machen. Und dann. Blieb sie noch ein paar Jahre in dem Haus. Lag auf dem Sofa, oder ihr Tante lag dort, meistens lasen sie oder sie backten Brot, legten sich sogar eine Kuh und eine Katze zu, im Wald brachte sie sich das Schießen bei. Sie war nicht traurig. Vielleicht ein bisschen enttäuscht.
Und dann kam Vater. Nur ein, zwei Tage wollte er bleiben. Er störte und merkte es. Er störte und es machte ihm etwas aus. Trotzdem blieb er länger. Sehr viel länger. Monate. Jahre. Und störte. Mehrmals versuchte die Tante, ihn zum Gehen zu bewegen, aber jedes Mal weinte er, setze sich auf das Sofa und weinte. Vom vielen Weinen wurde er ganz alt und die Tante strickte ihm Strümpfe, bezog alle paar Wochen sein Bett frisch und sie, Marie, fragte sich zum ersten Mal, was sie all die letzten Jahre gemacht hatte. Und ob es etwas gab, das bleiben sollte. Außer dem Vater. Sie stand am Gartenzaun und betrachtete das Haus. Seinen langgestreckten Körper, der braun und in die Jahre gekommen war. Mit seinen schiefen Fenstern, die sich nur noch an warmen Tagen öffnen ließen, dem immer noch stabilen Dach und außen herum die Bäume. Dahinter das Licht.
Also ging sie eines Tages weg. Das Haus würde noch sehr lange ohne sie in diesem Garten stehen. Umringt von Bäumen und dahinter das Licht. Und jetzt holt es sie wieder ein, das Haus.
Fast täglich geht sie hin, manchmal bleibt sie am Gartentor stehen wie damals. Manchmal geht sie hinüber zu der Bank, setzt sich und betrachtet das Fenster, hinter dem ihr Zimmer lag. Manchmal ist sie mutig und geht hinein. Sieht ihr altes Bett, den Schrank, in dem noch immer ihre Kleider hängen, dreht sich um und entdeckt die Zeichnung an der Wand. Halb zerstört vom Schimmel, aber immer noch erkennbar. Ein anderer Raum mit einem anderen Bett darin und einem Spiegel, vor dem ein Mädchen steht. Langsam hebt sie die Hand. Sie, Marie, hebt wirklich ganz langsam die Hand. So langsam, dass Tage vergehen. Tage, in denen das Mädchen zu Bett geht, wieder aufsteht, sich die langen Haare wäscht und ihr Kleid wechselt. Das Mädchen ist nicht Marie. Sie hebt die Hand nicht zum Gruß. So langsam sind ihre Bewegungen. Da schläft das Mädchen schon und Marie traut sich nicht, sie zu wecken.
Marie sagt, nicht alles in ihrem Leben habe eine Bedeutung. Ihr Leben sei nicht eitel. Wie lange hatte ihre Mutter auf dem Sofa gelegen, bevor sie starb! Und hatten all diese Tage eine nachhaltige Bedeutung gehabt? Da ist sie wieder bei ihrem Vater, der den Sinn brauchte. Und eine große Kiste, in die alles hineinkam, was sich einem Sinn verwehrte. Die Kiste. Die Mutter. Marie. Das war gar nicht so leicht gewesen. Die Postkarten waren von überall her gekommen. Und manche waren sie erst sehr spät gekommen, weil der Vater die Adresse falsch darauf geschrieben hatte.